Buch des Monats - Januar 2026
Goldstrand AutorIn: Katerina PoladjanEinband: Gebundene Ausgabe Erscheinungsjahr: 2025 Verlag: S. Fischer Seitenzahl: 156 Auflage: 1.
Vorgestellt von Marie-Luise Lindenlaub Eine junge Frau, ein kleiner Junge und ein Mann gehen die berühmte potemkische Treppe in Odessa hinab. Kurz darauf betreten sie ein Schiff. Als es dunkel ist, springt die junge Frau auf hoher See über Bord. Das ist ein Film, den der Leser erlebt. Der Erzähler und Regisseur heißt Eli. Die Geschichte, die er erzählt, ist die seines Großvaters Lew, seines Vaters Felix und seiner Tante Vera. Eli führt Gespräche mit seiner Therapeutin, der Dottoressa. Vor ihr breitet er auf der Couch in einer mondänen und verfallenen römischen Altbauwohnung seine Familiengeschichte aus. Der real existierende „Goldstrand“ (aus dem Titel des Romans) ist ein sozialistisches Großprojekt nahe Warna in Bulgarien. Der Architekt der Anlage ist Elis Vater. Elis Mutter Francesca, eine Linke, kommt nach einer Nacht mit Elis Vater schwanger nach Rom zurück. Ihr Vater, ein glühender Mussolini-Anhänger, setzt sie vor die Tür. Eli auf der Couch erzählt der Therapeutin nicht nur sein Leben, er erzählt auch um sein Leben. Dabei muss er oft ausschweifen, und die Dottoressa hat oft begründeten Zweifel am Wahrheitsgehalt des Gehörten. Alles, was am Ende zählt, ist die Erzählung selbst. Kein Wort ist überflüssig. Poladjan springt durch die Epochen und Länder. Ihr Stil ist nie schwermütig oder überladen, ja sogar stellenweise heiter. Ein vielfach beachteter und gelobter Roman. Kauf bei Thalia |
Buch des Monats - Februar 2026
Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
Lisa Ridzèn, 1988 geboren, lebt mit ihrem Hund in einem Dorf in der Nähe von Östersund. Sie ist Doktorandin der Soziologie und die Idee für ihren Debütroman „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ kam ihr, als sie nach dem Tod ihres Großvaters das Heft mit den Übergabeprotokollen des Pflegedienstes las. Aus dieser Idee ist ein zutiefst menschlicher, großartiger Roman entstanden.
Seit seine an Demenz erkrankte Frau in einem Pflegeheim untergebracht ist, lebt der 89-jährige Bo allein und manchmal auch sehr einsam in seinem Haus am Waldrand. Das Konstrukt des ‚Alleine-Lebens‘ funktioniert jedoch nur noch mit Unterstützung des Pflegedienstes, denn Bo ist körperlich schon ziemlich gebrechlich und eingeschränkt. Ab und an schaut auch sein Sohn Hans vorbei. Bo verliert sich häufig in Tagträumereien und Erinnerungen an seine Kindheit, seine Ehe und die Zeit, als Hans noch klein war und er es besser machen wollte als sein eigener liebloser Vater. Treu an Bos Seite und sein größter Trost und Halt in seinem nun sehr eingeschränkten Leben ist Sixten, sein Hund.
Doch als Hans beschließt, dass Sixten in gute Hände abgegeben werden muss, weil es für Bo einfach zu gefährlich geworden ist, mit Sixten spazieren zu gehen, gerät Bos Welt komplett aus den Fugen. Er wankt zwischen Verzweiflung, Trotz, Liebe und Wut, fühlt sich ohnmächtig und ausgeliefert.
Lisa Ridzèn erzählt in ihrem Roman komplett aus Bos Perspektive und wir sind ganz nah bei seinen Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen, Gebrechen in seiner klein gewordenen Welt. Einzig die Einträge von Hans und des Pflegedienstes in das Heft mit den Übergabeprotokollen, die den Kapiteln vorangestellt sind, lassen uns die Außenperspektive einnehmen. Das ist die große Stärke dieses zutiefst berührenden Romans, der vielleicht sogar ein Brückenbauer zwischen zwei Generationen sein kann und den ich hier von Herzen empfehlen möchte.
|
Abschied(e)
AutorIn: Julian Barnes
Erscheinungsjahr: 2026
Einband: Gebundene Ausgabe
Verlag: Kiepenhauser & Witsch
Seitenzahl: 256
Julian Barnes ist einer der erfolgreichsten Autoren unserer Zeit.
Sein Arzt teilte ihm mit, dass er unheilbar am Blutkrebs erkrankt ist; dass er an dieser Krankheit voraussichtlich nicht sterben wird, aber er kann lernen, mit ihr zu leben.
Dieses vorliegende Buch soll nun sein letztes sein. Es ist kein Roman. Es ist eine Art Gespräch mit seinen LeserInnen.
Da sind vor allem die Erinnerungen und die Liebe, ein skeptischer Blick auf die eigene Biografie.
Zu Beginn beschäftigt sich Barnes mit dem großen IAM (oder I am). Was hat das Gehirn gespeichert, sind diese Erinnerungen zuverlässig und wahr?
In der Mitte des Buches gibt es eine Erzählung (Erinnerung?) von Jean und Stephen, zwei Freunden, die Barnes in jungen Jahren verkuppelt hat. Vierzig Jahre später erreichte ihn die Bitte, dieses noch einmal zu machen. Wieder gibt es kein Happyend. Nur Jimmy bleibt, der Hund von Jean, den sie Barnes „vererbt“.
Daneben schreibt er Gedanken zum Verlauf und zur Behandlung der Krankheit auf. Der Agnostiker erfährt, dass seine Einstellung zum Sterben und zum Tod nichts mit einer neu gewonnenen Reife zu tun hat, sondern ein Akzeptieren des Verfalls ist, denn schließlich mache auch an ihm „einfach das Universum seine Arbeit“.
Er habe zum Schluss keine große Verkündigung zu bieten, keine berühmten letzten Worte. Lieber zitiert er die letzten Worte von Lord Grimthorpe an seine Frau: „Uns geht die Marmelade aus“.
Der Humor ist ihm auf jeden Fall geblieben.
Abschied(e)
AutorIn: Julian Barnes
Erscheinungsjahr: 2026
Einband: Gebundene Ausgabe
Verlag: Kiepenhauser & Witsch
Seitenzahl: 256
Julian Barnes ist einer der erfolgreichsten Autoren unserer Zeit.
Sein Arzt teilte ihm mit, dass er unheilbar am Blutkrebs erkrankt ist; dass er an dieser Krankheit voraussichtlich nicht sterben wird, aber er kann lernen, mit ihr zu leben.
Dieses vorliegende Buch soll nun sein letztes sein. Es ist kein Roman. Es ist eine Art Gespräch mit seinen LeserInnen.
Da sind vor allem die Erinnerungen und die Liebe, ein skeptischer Blick auf die eigene Biografie.
Zu Beginn beschäftigt sich Barnes mit dem großen IAM (oder I am). Was hat das Gehirn gespeichert, sind diese Erinnerungen zuverlässig und wahr?
In der Mitte des Buches gibt es eine Erzählung (Erinnerung?) von Jean und Stephen, zwei Freunden, die Barnes in jungen Jahren verkuppelt hat. Vierzig Jahre später erreichte ihn die Bitte, dieses noch einmal zu machen. Wieder gibt es kein Happyend. Nur Jimmy bleibt, der Hund von Jean, den sie Barnes „vererbt“.
Daneben schreibt er Gedanken zum Verlauf und zur Behandlung der Krankheit auf. Der Agnostiker erfährt, dass seine Einstellung zum Sterben und zum Tod nichts mit einer neu gewonnenen Reife zu tun hat, sondern ein Akzeptieren des Verfalls ist, denn schließlich mache auch an ihm „einfach das Universum seine Arbeit“.
Er habe zum Schluss keine große Verkündigung zu bieten, keine berühmten letzten Worte. Lieber zitiert er die letzten Worte von Lord Grimthorpe an seine Frau: „Uns geht die Marmelade aus“.
Der Humor ist ihm auf jeden Fall geblieben.




